Ausstellung der VVN-BdA
Neofaschismus in Deutschland

Warum diese Ausstellung

Zwei neofaschistischen Parteien gelingt der Einzug in Landesparlamente: der DVU in Brandenburg, der NPD in Sachsen.

Ein Netzwerk neonazistischer Akteure plant die massenweise kostenlose Verteilung von CDs mit rechter Musik vor deutschen Schulen.

Der neofaschistische Multifunktionär Jürgen Rieger erwirbt ein 26.000 qm großes Kasernengrundstück in Dörverden.

Neofaschistische Parteien versuchen mit sozialer Demagogie die "Montagsdemonstrationen" gegen "Hartz IV" zu vereinnahmen.

Ereignisse im Sommer des Jahres 2004, die schlaglichtartig die Brisanz und die Vielschichtigkeit des Problems Neofaschismus zeigen. Diese Entwicklung ist nicht überraschend, denn auch früher gab es rassistische Übergriffe, gab es zahllose Tote und Verwundete, gab es neofaschistische Aktivitäten und antisemitische Schmierereien. Die Zahl neofaschistisch motivierter Straftaten bewegt sich seit Jahren auf hohem Niveau, weit über hundert Menschen fanden in den vergangenen zehn Jahren durch rassistische und neofaschistische Gewalt den Tod. Zugenommen haben auch neofaschistische Aufmärsche als Teil des Konzepts des "Kampfes um die Straße".

Die Ausstellung "Neofaschismus in Deutschland" der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)" gibt einen Überblick über das Gesamtthema Neofaschismus. Sie behandelt Neofaschismus als ein "politisches Lager" aus ganz unterschiedlichen Akteuren: Parteien, "Kameradschaften", Vereinen, Verlagen, Bands, usw..

Bei allen Unterschieden im Äußeren und im Auftreten eint diese Akteure eine gemeinsame Weltanschauung. Die Analyse dieser Ideologie bildet deshalb auch, nach zwei Tafeln Einleitung, den umfangreichen zweiten Teil dieser Ausstellung. Beginnend mit dem zentralen Element der "Volksgemeinschaft" wird auf zehn Tafeln der "Glaube" des Neofaschismus dargestellt. So wirr und widersprüchlich dieser "Glaube" auch oft erscheint, zeigt doch gerade der Blick auf den Begriff der "Volksgemeinschaft", worum es eigentlich geht: Durch eine Mischung von Versprechungen und Appellen an niedere Instinkte sollen "Massen" in ein verbrecherisches politisches Gesamtkonzept eingebunden werden. Im unteren Abschnitt der Tafeln wird jeweils der Vergleich mit der Ideologie des historischen Faschismus gezogen.

Es folgt auf neun Tafeln, beginnend mit "Die Führer", eine Darstellung der organisatorischen Struktur des Neofaschismus. Verstärkte Beachtung wird der sich ausbreitenden faschistischen Symbolik und Ideologie in verschiedenen Jugend- und Musiksubkulturen gewidmet. Neben der allgemein bekannten Szene rechter Skinheads verstärken sich die rechten Tendenzen in anderen Bereichen, wodurch Vor- und Umfeld des neofaschistischen Lagers gewachsen sind.

Spektakuläre Immobilienkäufe werfen weiter ein Schlaglicht auf dessen erstarkenden ökonomischen Hintergrund. Der Handel mit CDs neofaschistischer Bands hat außer dem ideologischen Einfluss auch eine nicht zu unterschätzende kommerzielle Bedeutung.

Im vierten Teil wird der Horizont der Darstellung erweitert: Ging es im zweiten und dritten Teil ausschließlich um eindeutig neofaschistische Inhalte und Akteure, wird nun der Blick auf Zusammenhänge und Hintergründe erweitert, ohne die der Neofaschismus gar nicht zu verstehen ist. Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und antigewerkschaftliche Hetze sind beileibe kein Privileg offenkundig neofaschistischer Hetzer. Es sind vielmehr ganz normale bürgerliche Politiker und Medien, die auf der Suche nach kurzfristigen Erfolgen durch ihre Stimmungsmache den Boden für Neofaschismus bereiten. Außer diesen inhaltlichen Übereinstimmungen existiert auch ein nicht zu unterschätzendes organisatorisches Geflecht zwischen Neofaschismus und Konservatismus.

An dieser Stelle lohnt es sich, auf die "Rechtsextremismus"-Ausstellung des Bundesamtes für Verfassungsschutz ("Die braune Falle") zu verweisen. Bezeichnenderweise werden dort die Thematik gemeinsamer Feindbilder von Neofaschisten und bürgerlich-demokratischer Politiker ebenso wie beispielsweise Fragen der historischen Kontinuität peinlich gemieden.

Tatsächlich wäre diese Behörde ja auch gezwungen, die eigene unrühmliche Rolle im Zusammenhang mit V-Mann-Affären zu thematisieren. Die VS-Behörden leisten in Wirklichkeit eben keinen Beitrag zum Schutz unserer Verfassung, sondern sind längst Teil des Problems.

Im abschließenden fünften Teil "Gegenstrategien" geben wir Anregungen für den Kampf gegen Neofaschismus. Wichtig ist uns, aufzuzeigen, dass es sehr unterschiedliche Möglichkeiten gibt sich zu engagieren und dass Toleranz und Zusammenarbeit die Grundlage des Erfolges sind.

Die vorliegende Ausstellung ist bereits die vierte vollständig überarbeitete und aktualisierte Fassung der Mitte der 1980er Jahre von der VVN-BdA entwickelten Ausstellung "Neofaschismus in der Bundesrepublik Deutschland". Zielgruppe der Ausstellung war und ist eine breite interessierte Öffentlichkeit. Für Schulklassen und Jugendgruppen sind pädagogische Zusatzmaterialien erhältlich. Für eine vertiefende Beschäftigung mit dem Thema verweisen wir auf das Literaturverzeichnis im Anhang.

Wir danken allen, die durch persönlichen Einsatz und Mitarbeit, durch kritische Anregungen und Diskussionen, durch die Bereitstellung von Materialien und Fotos sowie durch finanzielle Unterstützung zu dieser Ausstellung beigetragen haben.


Bundesausschuss der VVN-BdA
Berlin, September 2004

© VVN-BdA e. V. | Mit Unterstützung der IG Metall, des antifaschistischen Magazins "Der Rechte Rand" und ARUG Braunschweig